zurück
Laudatio bei der Verleihung des „Preis Augsburger Friedensfest“ an Dr. Josef Schuster
Augsburg, 17. November 2025
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, meine Damen und Herren Abgeordnete, Stadträte, sehr geehrte Repräsentanten der Religionsgemeinschaften, verehrter Herr Schuster, meine sehr geehrten Gäste,
es ist leicht, über Frieden zu reden. Ihn zu ermöglichen, zu bewahren, wiederherzustellen, ist ungleich schwieriger. Der Augsburger Friedenspreis verdeutlicht und vermittelt diese jahrhundertealte Erfahrung der Stadtgeschichte wie der Weltgeschichte. Er verbindet sie mit den gegenwärtigen, aktuellen Herausforderungen des inneren und des äußeren Friedens, die es überall – fast überall in der Welt – gibt. Große Bedeutung haben in diesem Zusammenhang religiöse Überzeugungen und Glaubensbekenntnisse. Sie haben, wie die Geschichte zeigt, ein gewaltiges und nicht selten gewalttätiges Konfliktpotenzial, zugleich haben sie eine besondere Kraft zur Versöhnung. Religionen und ihre Repräsentanten sollten Friedensstifter sein. Sie sind es nicht immer, aber es gibt sie. Josef Schuster ist einer.
Josef Schuster ist, wie die meisten von Ihnen wissen, in Haifa geboren. Als Sohn aus Deutschland vertriebener und entrechteter jüdischer Eltern. Er ist relativ früh nach Deutschland zurückgekommen mit seinen Eltern, in Würzburg aufgewachsen, hat früh eine aktive Rolle in der jüdischen Gemeinde gespielt, die Gemeindeleitung von seinem Vater übernommen, wurde bald in hohe und höchste Ämter gewählt, zum Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde in Bayern, in den Zentralrat der Juden und schließlich, im November 2014, zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zugleich ist er Vizepräsident des European Jewish Congress und des World Jewish Congress.
Josef Schuster ist die seit vielen Jahren hörbare, vernehmbare und verlässliche Stimme der Jüdinnen und Juden in Deutschland. Er ist darüber hinaus eine unerlässliche Stimme für den interreligiösen Dialog und für das gesellschaftliche Zusammenleben.
Ihm ist es vor und nach der Übernahme dieser Ehrenämter immer wieder darum gegangen, ein „lebendiges, selbstbewusstes, lebensfrohes Judentum“ zu zelebrieren, die Juden in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, zum Teil auch in der eigenen Wahrnehmung, aus der immer wieder kritisierten Opferrolle zu befreien. Er hat dafür interessante, kreative Projekte entwickelt und auf den Weg gebracht: Das Begegnungsprojekt „Meet a Jew“, das Kontakte entstehen lässt, die ohne solche Rahmenbedingungen nicht oder offenkundig nur schwer zustande kommen. Oder der „Jewrovision“, ein vom Zentralrat ausgerichteter Musik- und Tanzwettbewerb für jüdische Jugendliche.
Vor ziemlich genau zehn Jahren, im Frühjahr 2015, hat nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen der damalige und heutige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die in Europa lebenden Juden zur Auswanderung aufgerufen. Josef Schuster hat damals erklärt, wenige Monate nach Übernahme seines Amtes als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Ich halte jüdisches Leben in Deutschland weiterhin für möglich und sehe derzeit keinen Grund, warum Juden Deutschland verlassen sollten.“ Den gleichen Satz würde er heute vermutlich zögerlicher formulieren. Denn es hat in der Zwischenzeit Ereignisse gegeben, hier und anderswo, die wir uns eigentlich nicht mehr haben vorstellen können, schon gar nicht vorstellen wollen.
„Nie wieder“. Wie oft ist diese Parole in Deutschland gesagt, geschrieben, plakatiert und beschworen worden. Als Erinnerung und Mahnung an die entsetzliche Judenverfolgung und -vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus. Seit zwei Jahren, seit dem 7. Oktober 2023, verdrängt immer häufiger ein Fragezeichen das Ausrufezeichen hinter „Nie wieder“, weil man sich der Gültigkeit der damit gemeinten Aussage nicht mehr so sicher ist. Denn am 7. Oktober hat eben doch wieder stattgefunden, was nie wieder möglich sein sollte: Ein systematisch geplanter und exekutierter Massenmord an Juden, erstmals in Israel selbst durch palästinensische Terroristen der Hamas. Die Bilder der Berichte des Massakers am 7. Oktober sind so schockierend, dass sie vermutlich für unglaubwürdig gehalten würden, hätten die Täter sie nicht selbst dokumentiert, mit Handykameras gefilmt und ins Netz eingestellt, provokativ und demonstrativ, um den unmissverständlichen Vernichtungswillen gegen Juden gegenüber der Welt zu dokumentieren.
Zwei Jahre nach dem 7. Oktober zwei 2023 sind die Verhältnisse nicht einfacher, sondern in mancher Weise noch schwieriger, noch komplizierter geworden. In meiner Wahrnehmung nach haben wir es mit drei Tragödien gleichzeitig zu tun: Der erneuten unmissverständlichen brutalen Herausforderung des Existenzrechts Israels und jüdischen Lebens. Zweitens: Einer als Folge dieser Entwicklung extremen, unerträglichen humanitären Notlage in Gaza. Und schließlich: Mit einem in diesem Kontext wieder aufflammenden Antisemitismus. Nicht nur, aber auch in Deutschland – ausgerechnet in Deutschland. Viele Menschen weltweit haben die Geschehnisse vom 7. Oktober mit fassungslosem Entsetzen verfolgt, mit unbändiger Trauer und verzweifelter Wut. Aber es gab auch ganz andere Reaktionen. So setzte der Terrorüberfall der Hamas für manche das Fanal für eine wahre Flutwelle antisemitischer und antiisraelitischer Aktivitäten. Auf Straßen und öffentlichen Plätzen, in deutschen Hochschulen, in den sogenannten sozialen Medien.
Josef Schuster hat leider Recht, mit seinem, nicht erst damals vorgetragenen Befund, dass manches aus den Fugen geraten sei, auch und gerade in Deutschland. Antisemitische Straftaten nehmen seit dem 7. Oktober in einer rasanten Geschwindigkeit und in einem dramatischen Umfang zu.
Die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten hat sich im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt und inzwischen ein Allzeithoch erreicht. Dass zu meinen Lebzeiten in Deutschland Wohnungen und Häuser jüdischer Bürger mit Davidsternen markiert und Brandsätze auf Synagogen geworfen werden, hätte ich mir bis vor Kurzem nicht vorstellen können. Es findet aber statt. Dass auf deutschen Straßen und Plätzen tödliche, bestialische Angriffe auf Juden bejubelt und gefeiert werden, ist abscheulich und durch nichts zu rechtfertigen. Dass antisemitische Klischees und Ressentiments als Kunstwerke getarnt und auf öffentlich finanzierten, weltweit wahrgenommenen Kunstmessen gezeigt werden, hat nicht nur den Zentralratsvorsitzenden empört, der aber unmissverständlicher als manche anderen darauf aufmerksam gemacht hat, dass Antisemitismus weder durch Meinungsfreiheit gedeckt noch durch Kunstfreiheit gerechtfertigt ist.
Ich kann die Verunsicherung und zunehmend auch artikulierte Enttäuschung vieler unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger verstehen, die lange, viel zu lange auf entschlossene Zeichen unserer Gesellschaft gewartet haben. Diese Enttäuschung ist umso berechtigter, wenn man berücksichtigt, mit welcher menschlichen Größe, nach allem, was in der jüngeren Geschichte zwischen unseren Ländern geschehen ist, Jüdinnen und die Juden uns Deutschen in der Gemeinschaft freier Länder eine neue Chance gegeben haben und nicht zuletzt für die Entstehung und die beachtliche Entwicklung der besonderen Beziehung zwischen Deutschland und Israel, deren 60. Geburtstag wir in diesem Jahr begangen haben.
Bei all dem bleibt die unbequeme, ärgerliche, inakzeptable Wahrheit: Es gibt nicht nur Antisemitismus, er wird immer offener zur Schau gestellt. Wenn man genauer hinsieht, gibt es sogar vielfältige Formen von Antisemitismus. Es gibt einen einheimischen Antisemitismus und es gibt einen zugewanderten Antisemitismus. Es gibt einen christlichen Antisemitismus wie einen muslimischen Antisemitismus. Es gibt einen rechten und einen linken Antisemitismus, einen offenen und einen verdeckten Antisemitismus. In welcher Variante auch immer er auftritt: Er ist menschlich unanständig, intellektuell erbärmlich und politisch intolerabel, schon gar in Deutschland.
Nicht zufällig in dem Zusammenhang mit den jüngeren Ereignissen in Israel wird in Deutschland neu darüber nachgedacht, was es denn eigentlich mit der besonderen Staatsräson auf sich habe, wie die damalige Bundeskanzlerin in ihrer legendären Rede vor der Knesset proklamierte.
Mein Verständnis ist dieses: Eben weil die Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland, und wenn eben möglich weltweit die Ausrottung des Judentums, erklärter Teil deutscher Staatsräson in der Zeit des Naziregimes war, muss die Sicherheit des Staates Israels und aller hier und anderswo lebenden jüdischen Menschen Teil der Staatsräson eines aufgeklärten demokratischen Deutschlands sein.
Selbstverständlich ist ein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels nicht ein Bekenntnis für die Politik einer amtierenden Regierung. Kein Mensch kommt auf die Idee, die Identifizierung mit Deutschland für ein Bekenntnis zur jeweiligen deutschen Regierung zu halten.
Die dortige Regierung ist allerdings, im Unterschied zu den Nachbarländern, demokratisch gewählt und im eigenen Land kaum weniger umstritten als in den befreundeten Ländern. Mir persönlich fallen viele Einwände gegen die Politik der israelischen Regierung ein: Nicht nur, aber insbesondere in Gaza. Aber ich habe noch kein einziges Argument gefunden, das in der israelischen Öffentlichkeit nicht auch und lautstark vorgetragen wurde. Da braucht offenkundig niemand deutsche Nachhilfe bei der kritischen Beschäftigung mit der Politik des eigenen Landes.
Wir können uns in Europa, schon gar in Deutschland, gar nicht vorstellen, was es bedeutet, dass einem Staat das Recht bestritten wird, dass es ihn gibt. Israel ist der einzige Staat auf dieser Welt, der sich für seine schiere Existenz rechtfertigen muss, weil seine Feinde schlicht nicht akzeptieren, dass es ihn gibt. Und es zeigt den Unterschied, den wir gerne und allzu häufig übersehen. Vom Tag seiner Gründung an, ist dieses Existenzrecht Israels umstritten. Vom Tag seiner Gründung an ist dieser Staat militärisch bedroht, bekämpft und bekriegt worden. So etwas wie eine Nachkriegszeit, auf die wir für die jüngere deutsche Geschichte immer wieder Bezug nehmen, hat es in Israel nie gegeben.
Wir stehen vor großen Herausforderungen, und es macht die Aufgabe nicht kleiner, sondern eher noch größer, dass wir nicht allein vor diesen Aufgaben stehen, sondern auch andere Länder. Und es macht wiederum einen Unterschied, ob und wie Franzosen oder Spanier oder Italiener oder Briten mit Antisemitismus im eigenen Land umgehen und wie Deutschland damit umgeht. Das ist uns hoffentlich nicht nur an Festabenden wie dem heutigen bewusst. Die Herausforderung ist eine besondere, weil es eine besondere deutsche Geschichte gibt.
Josef Schuster hat gelegentlich in Interviews gesagt: „ich fühle mich als einsamer Rufer in der Wüste“. Das ist er glücklicherweise nicht. Heute steht die politische Klasse in Deutschland, wenn nicht geschlossen, so doch unmissverständlicher als irgendwo sonst in Europa hinter Israel und hinter jüdischen Anliegen in Deutschland und in Europa.
Aber so richtig und wichtig wiederholte Erklärungen des Bundespräsidenten, der Bundesregierung und Parlamenten, von Parteien und Gewerkschaften auch sind: Sie werden allein nicht ausreichen, wenn sie von der Gesellschaft nicht als gemeinsame Herausforderung gesehen werden, wenn sich immer mehr Menschen dadurch von eigenem Engagement entlastet fühlen. Die Frage, wie ernst wir das „Nie wieder“ meinen, muss die Gesellschaft beantworten – und sie muss sie unmissverständlich beantworten.
Solidaritätsadressen sind leicht formuliert, aber schwer umzusetzen. Der Test der Ernsthaftigkeit findet im Alltag statt. Josef Schuster ist dazu in einem der jüngeren Interviews befragt worden, mit Blick auf einen seiner Amtsvorgänger, Ignatz Bubis, der am Ende seiner Amtszeit gesagt hat, er habe nichts bewegt, Zitat Josef Schuster: „Dieser Satz hat angesichts der allgemeinen politischen Lage auch heute noch Geltung. Aber das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich eine doch deutlich positive Entwicklung jüdischen Lebens in Deutschland sehe, trotz allem.“ Und er verweist auf die künftige Jüdische Akademie des Zentralrats in Frankfurt am Main, die ganz sicher einen wesentlichen Beitrag zu intellektuellen und gesellschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland leisten wird. Ein beachtlicher weiterer Punkt ist die jüdische Militärseelsorge, die es inzwischen gibt, mit der das Judentum seinen Platz in der Bundeswehr eingenommen hat. Und wir sollten und wollen auch nicht übersehen, wie viele neue Gemeindezentren und Synagogen in Deutschland in den letzten Jahren entstanden sind.
Nicht alles, was sich zuletzt in Deutschland verändert hat, ist ein Fortschritt. Aber manches eben doch und manche Fortschritte sind demonstrativ. Preisverleihungen gehören dazu. Sie machen deutlich, was in einer Gesellschaft als vorbildlich, im Wortsinn „ausgezeichnet“ gilt.
Der renommierte Friedenspreis von Augsburg geht in diesem Jahr an Josef Schuster, und ich möchte ihm dazu herzlich gratulieren.
 |
|